Erinnerungen an die Todeszone

_DSC0349 bearbeitetEverest-Überlebende Lene Gammelgaard sprach in Rottweil über Mut Harte Männer im Schneesturm, kämpfend mit Ausrüstung, Eis-Pickel und Steigeisen, Todeskampf – nichts für Frauen. Oder doch? Wenig bekannt ist, dass unter den Überlebenden der tödlichen Tragödie am Mount Everest 1996 auch Frauen waren.

Eine davon ist die 54-jährige Dänin Lene Gammelgaard, die als Keynote-Speakerin live beim 3. woman in business Kongress am vergangenen Samstag, 26.09.2015 in Rottweil war. Sie hat fast 20 Jahre nach dem Unglück viel über Risiko und Überlebenskunst unter widrigsten Bedingungen zu erzählen.

Ihr Vortrag hieß „Survive – Motivate – Inspire. Persönliche Grenzen sprengen.“ Wenn Sie den Film „Everest“ im Kino gesehen haben, können Sie sich besser vorstellen, welche Härten, Gefahren und aussichtslosen Situationen diese Frau überwunden hat. Der Film beschreibt die zwei Expeditionen, die 1996 den Mount Everest bestiegen. Zehn Bergsteiger kamen dabei um. Wie alle Frauen, die an der Expedition teilnahmen, bleibt Lene Gammelgaard im Film im Hintergrund. Die sportliche und mentale Leistung der Bergsteigerinnen wird nicht thematisiert.

Doch dafür ist Lene Gammelgaard im realen Leben sehr präsent. Die Filmarbeiten haben sie gerade zu ihrem zweiten Buch über die Gipfel-Besteigung inspiriert: „To the summit and safe return“. Von der jungen Frau, die sie damals gewesen ist, zeigt sie sich selbst beeindruckt: „Beim Schreiben habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie stark und vorbereitet ich damals war.“

Die Besteigung des Mount Everest war für ihre Widerstandsfähigkeit, Belastbarkeit und Flexibilität ein einschneidendes Erlebnis. „Ich habe dadurch eine Grund-Matrix bekommen, die ich seither in allen Lebensbereichen einsetze. Ich kenne diese Kraft, aber ich weiß auch genau, dass es immer Konsequenzen hat. Ich bin nicht immer bereit, den Preis für ständige Hochleistung zu bezahlen.“

Damit macht Lene Gammelgaard etwas, was den wenigsten Menschen heute gelingt. In einem Umfeld größter Unsicherheit und unter hoher Komplexität soll quasi jeder täglich an seinem Arbeitsplatz einen hohen Berg besteigen. Die Zahl derjenigen, die pro Jahr psychisch erkranken, steigt seit Jahren. Einzelne können ihr Verhalten kaum noch erfolgreich an ständige Veränderungen anpassen, scheint es zuweilen.

„Es ist deshalb wichtig zu erkennen, dass die impliziten Erwartungen unserer modernen Zeit wahrscheinlich absurd sind und dass wir krank werden, wenn wir versuchen, alles perfekt zu machen“, sagt Lene Gammelgaard.

Jeder Einzelne müsse den Mut und die Risikobereitschaft aufbringen, eigene Wege zu gehen. „Es muss uns klar sein, dass wir andere Wege abwählen können.“ Letztlich gehe es darum, das Leben zu vereinfachen und sich auf das wirklich Wichtige zu besinnen.

Dazu sei Selbstdisziplin nötig. „Wir haben die Möglichkeit, unsere Gedanken zu ändern und durch unsere Gedanken ändern sich auch unsere Gefühle.“ Darüber hinaus müsse jeder zu einem guten Umgang mit eigenen Ressourcen finden, Emotionen aktiv steuern.

Ihren starken eigenen Willen sieht sie als ihre wichtigste Ressource. Nur der habe ihr geholfen, am Everest zu überleben. Für diese Frau ist „Versagen keine Option“ – so steht es auf ihrer Webseite. „Wir haben nur ein Leben zur Verfügung. Nutzen wir es also gut. Alle Menschen erleben Traumata, Schwierigkeiten und Hindernisse. Aber wir können wählen, darüber hinweg zu kommen, so dass wir im Laufe des Lebens unsere wahren Träume verwirklichen können“, sagt Lene Gammelgaard.

Manche Kämpfe sind zu hart oder der Preis dafür ist zu hoch. Sie hat nach dem Unglück am Everest beschlossen, sich nie wieder einer so großen Gefahr aussetzen. „Ich erinnere das innere Gefühl, das ich in der Todeszone hatte und das sichere Wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bevor es auch mich erwischt. Ich habe meinen Traum realisiert und überlebt. Aber ich mache das nicht noch einmal. Heute bin ich alleinerziehende Mutter und habe drei Kinder – ich kann mir das gar nicht mehr erlauben.“

Inzwischen arbeitet sie als Unternehmensberaterin und Rednerin. Fast 20 Jahre sind seit dem Abenteuer vergangen, ihre Erfahrungen haben sich verdichtet, als Persönlichkeit hat sie Tiefe gewonnen. Risikofreudig ist sie immer noch: „Je älter und je erfahrener ich werde, desto mutiger werde ich, meine eigenen Ideen für modernes Management durchzusetzen.“

Die Frau, die den höchsten Berg der Welt bestiegen und eine furchtbare Tragödie überlebt hat, scheint in sich zu ruhen und schätzt die kleinen Dinge im Leben: „Ich träume davon, mehr Zeit zu haben. Verwaltungsaufgaben rauben mir einen großen Teil meiner Zeit. Ich würde lieber mit meinem Pferd durch den Wald reiten und eine Latte Macchiato in der Natur genießen.“ (Den Text schrieb Petra- Alexandra Buhl für wib Events)

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